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Staunen statt granteln!

Des werd scho – eine Mini-Serie von Christian Thiele Teil 5/6

Ein Beitrag von: Christian Thiele, POSITIV FÜHREN

Staunen - Zum Beispiel, als ich neulich mit der Familie vor einem live ausbrechenden Vulkan in Island stand und die Lava alle 15 Minuten glutrot in den Abendhimmel schoss. Zum Beispiel, als ich das erste Mal mit der neuen Zugspitzbahn gefahren bin, diesem Wunderwerk der Technik, das im Zeitplan, im Budgetrahmen, auf fast 3000 Meter Höhe und bei laufendem Touristenbetrieb fertiggestellt wurde. Zum Beispiel, wenn ich im Abendlicht auf die glutrote Wettersteinwand und die Partenkirchner Dreitorspitze schaue: Da bleibt mir manchmal der Mund offen stehen vor Begeisterung, vor Schönheit.

Die Psychologen sind gut darin, komplizierte Konzepte und Worte für Dinge zu finden, die man eigentlich eh schon weiß. Mit dem englischen „Awe“, ausgesprochen so ähnlich wie „oooooh“, am besten mit weit geöffnetem Mund, meinen die Psychologen so etwas wie „ehrfürchtiges Staunen“ oder „Demut“. Ein Gefühl, das etwas stärker ist als wenn man sich über etwas wundert, eine Mischung aus Überraschung, Bewunderung, Furcht, Dankbarkeit – aber nicht unbedingt immer nur rein freudig. Man kann es empfinden, wenn man religiös ergriffen ist, wenn man etwas wie die Pyramiden von Gizeh betrachtet, in der Natur.

Barbara Fredrickson ist eine der wichtigsten Emotionsforscherinnen unserer Zeit und eine der Leitfiguren der Positiven Psychologie. In ihren Untersuchungen hat sie herausgefunden, dass dieser „Awe“, dieses ehrfürchtige Staunen, eine von 10 positiven Emotionen sind, die wir Menschen besonders häufig empfinden. Emotionen sind Empfindungen, die einen körperlich wahrnehmbaren Effekt haben und die gleichzeitig eine Prise Denken beinhalten, eine Bewertung, eine Einordnung. Und während Frust, Ärger, Neid und andere negative Emotionen eher mit Bedrohung verbunden sind, die überlebenssichernden Reflexe wie Flucht oder Kampf auslösen und damit unseren Fokus verengen, wirken positive Emotionen ganz anders. Sie

  • erweitern unseren Fokus
  • erhöhen unsere Leistungsfähigkeit
  • machen uns kreativer und zu besseren Problemlösern
  • stärken unsere sozialen Beziehungen

Emotionsforscherin Fredrickson (zum Beispiel in Fredrickson, B. L. (2013). Positive emotions broaden and build. Advances in Experimental Social Psychology, 47, 1-53) hat herausgefunden, dass neben Ehrfurcht („Awe“)

  • Freude
  • Dankbarkeit
  • Gelassenheit
  • Interesse
  • Hoffnung
  • Stolz
  • Vergnügen
  • Inspiration
  • Verbundenheit und Liebe

jene 10 positiven Emotionen sind, die bei uns Menschen am meisten auftauchen.

Menschen, die öfter mal staunen oder andere positive Emotionen pflegen statt immer nur zu granteln und zu hadern, leben gesünder, länger und erfüllter. Und sie kommen besser durch Krisen und schwierige Zeiten.

Warum nehmen Sie sich nicht mal aus der obigen Liste ein oder zwei dieser positiven Emotionen vor – vielleicht eine, die Sie gut kennen und die Ihnen nahe liegt und eine, die Ihnen eher nicht so zugänglich ist!? Und dann könnten Sie sich Fragen wie diese stellen und Stichpunkte dazu niederschreiben:

  • Wann habe ich diese Emotion zuletzt klar und deutlich empfunden? Wie und wo habe ich sie gespürt?
  • Wo war ich da, was habe ich gerade getan?
  • Was hat sie ausgelöst in mir, was war dann ein wenig anders, leichter, besser?
  • Wie könnte ich diese Emotion gelegentlich in mein Leben holen?

Und wenn Sie Tipps brauchen von mir, dann rate ich: Fahren Sie nach Island und schauen Sie sich den Vulkan an! Kaufen Sie ein Ticket für die Zugspitzbahn und fahren Sie hinauf! Oder schauen Sie sich abends in Partenkirchen die Wettersteinwand und die Dreitorspitze an (in Garmisch gibt’s da sicher auch etwas…)!

Viel Erfolg und auch Gaudi beim Staunen! Sie machen das gut! Des werd scho!

Ihr
Christian Thiele

Ein Beitrag von:

Christian Thiele
Christian Thiele lebt mit Familie in Garmisch-Partenkirchen und arbeitet als Coach, Trainer, Autor und Podcaster für Positives Führen und Positive Psychologie (positiv-fuehren.com). Er gehört zum Trainerteam der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie (www.dgpp-online.de). Anmeldung für sein kostenloses Webinar „Das Glück: Was es ist und bringt, wie wir es finden - und wo nicht“ am Mittwoch, 12.5.2021 von 19-20 Uhr unter kontakt@positiv-fuehren.com.
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